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Dokumentation

Alvaro del Portillo spricht über den hl. Josefmaria

Stichwörter: Alvaro del Portillo, Liebe zu Gott, Großzügigkeit, Normaler Alltag, Wille Gottes, Berufung, Josemaría Escrivá
1992 gab Alvaro del Portillo ein ausführliches Interview, das als Buch unter dem Titel "Über den Gründer des Opus Dei
Ein Gespräch mit Cesare Cavalleri" veröffentlicht wurde. Auf diesen Seiten erzählt der zukünftige Selige, der vierzig Jahre neben dem hl. Josefmaria gelebt hatte, seine Erinnerungen.

Hier einige Auszüge aus diesem Gespräch.

Sie haben vierzig Jahre an der Seite des Gründers gelebt. Was für ein Mensch er war, läßt sich bei seinen menschlichen wie übernatürlichen Gaben nicht leicht in Worte fassen. Wer anders aber als Sie könnte das tun?
– In der Tat dürfte es schwierig sein, ihn landläufigen Vorstellungen zuzuordnen, weil seine Persönlichkeit viele Facetten hatte. Darüber hinaus schenkte ihm der Herr zahlreiche Gnadengaben, die es schwer machen zu unterscheiden, was seinem Charakter, was dem Wirken der Gnade Gottes und was seinem geistlich-aszetischen Bemühen zuzuschreiben ist. Absichtlich sage ich »unterscheiden« und nicht »trennen«, denn zu den Grundzügen seiner Persönlichkeit gehörte die vollkommene Einheit von Menschlichem, Apostolischem und Aszetischem: Bei ihm waren diese Aspekte nahtlos miteinander verbunden, das läßt sich nicht auseinanderreißen.

Seine Hingabe war nicht kalt oder irgendwie »offiziell«. Er glühte vor Liebe und zeigte den anderen echte Zuneigung und aufrichtiges Verständnis.
Generell läßt sich sagen, daß der Vater ein vom Herrn für die Gründung des Opus Dei vollkommen vorbereitetes Werkzeug gewesen ist. Das gilt für seine Tugenden. Das gilt auch für seine natürlichen Veranlagungen: Intelligenz, Sympathie und Charakterstärke.
Wer die Art des Vaters erfassen will, muß außerdem immer mitbedenken, daß er sich Gott und den Seelen um Gottes willen hingegeben hatte; daß er großzügig zur Verfügung stand, um dem Willen Gottes zu folgen: Das war die Richtschnur seines gesamten Lebens. Er war ein Mensch, der zu lieben wußte und so das Geheimnis entdeckte, das er in Punkt 1006 seines Buches Im Feuer der Schmiede festhielt: »Die Formel, der Schlüssel für das irdische Glück und ewige Heil stehen mir zweifelsfrei vor Augen: Sich nicht bloß mit dem Willen Gottes abfinden, sondern ihn sich zu eigen machen, sich mit ihm identifizieren, kurz: mit einem klaren Willensentschluß das wollen, was Gott will. Ich wiederhole: Das ist der nie versagende Schlüssel zu Freude und Frieden.«

Seine Hingabe war nicht kalt oder irgendwie »offiziell«. Er glühte vor Liebe und zeigte den anderen echte Zuneigung und aufrichtiges Verständnis – er hatte ein großes Herz, offen für alle. Die gottgeschaffene Welt liebte er leidenschaftlich. Alles was zum menschlichen Leben gehört, zog ihn an. Er las die Zeitung, sah die Fernsehnachrichten, mochte Liebeslieder, betete für die Astronauten, die gerade auf dem Mond landeten … Er war herzlich, weckte Vertrauen und war sehr verständnisvoll.

Und wenn er zu korrigieren hatte …?
– Wenn er jemanden auf einen Fehler hinweisen mußte, hing es davon ab, wie oft er mit dem Betreffenden zu tun hatte. Sah er ihn nur ab und zu, dann wies er ihn sehr sanft zurecht. Mit seinen engsten Mitarbeitern war er dagegen strenger.

Ihm lag am richtigen Verhältnis von gebotener Strenge und herzlicher Zuwendung. In den ersten Jahren dachte er häufig, wenn etwas falsch lief: »Das kann ich nicht sofort sagen, denn man wird mir den Ärger anmerken, also halte ich mich besser zurück, um niemandem weh zu tun, um wirkungsvoller zu sein und um Gott nicht zu beleidigen. In zwei, drei Tagen, wenn ich mich beruhigt habe, werde ich darauf zurückkommen.« In den letzten Jahren korrigierte er Fehlhaltungen indes sofort: »Wenn ich es nicht sofort tue, wird mir der Gedanke kommen, ich könnte der Tochter oder dem Sohn da weh tun, und dann unterlasse ich es womöglich.« Deshalb tat er es sofort, weil er seine Kinder eben gern hatte und ihm an ihrer Heiligung lag.

Hat er sich nie geirrt?
– Selten. Er konnte sich dann auf der Stelle berichtigen und gegebenenfalls um Entschuldigung bitten. Im Jahre 1955 kam ich eines nachmittags nach Hause und traf den Vater mit einigen Studenten aus dem Römischen Kolleg, unter ihnen auch Fernando Acaso, vor der Kapelle, die dem Erzengel Gabriel geweiht ist. Wir begrüßten uns, und ich sagte Fernando, er könne jetzt Möbelstücke abholen, über die wir schon gesprochen hatten, denn endlich sei etwas Geld auf dem Konto. Da griff der Vater ein und entschuldigte sich bei Fernando. Denn kurz vorher hatte er Fernando nach besagten Möbeln gefragt, woraufhin Fernando begonnen hatte zu erklären, warum er sie nicht abgeholt habe. Der Vater aber hatte ihn nicht ausreden lassen und ihn gefragt, ob er sie denn nun abgeholt hätte oder nicht. Auf Fernandos »Nein!« hin erklärte der Vater ihm, er wolle keine langen Erklärungen, wenn etwas nicht getan worden sei. Aus meiner Bemerkung ging ihm dann aber sofort auf, wie die Dinge lagen, und er entschuldigte sich vor den Anwesenden, weil er Fernando nicht hatte ausreden lassen. Und nicht genug damit, bat er Fernando später im Beisammensein vor allen Studenten vom Römischen Kolleg erneut um Verzeihung und lobte seine Demut. Wenn sich der Vater korrigieren mußte, dann tat er das wirklich so schnell, daß es auffiel. Es machte ihm auch nichts aus, es öffentlich zu tun. Diese Haltung war sehr typisch für ihn; er wünschte allen »die Freude, sich berichtigen zu können«.

Vater, die Frage, die ich Ihnen jetzt stellen möchte, grenzt an Indiskretion: Könnten Sie nicht etwas über Ihr persönliches Verhältnis zum Vater sagen?
- Ganz ohne mein Verdienst sehe ich mich als geistlichen Sohn des Gründers, und darüber empfinde ich heiligen Stolz. Gleichzeitig fühle ich mich wie ein Schuldner, der seine Schuld nicht begleichen kann. Dem Vater verdanke ich unter anderem meine Berufung und meine Ganzhingabe an Gott im Opus Dei, dann meinen Ruf zum Priestertum, jenes unaussprechliche Geschenk des Herrn, und ihm verdanke ich auch den ständigen Impuls, der Kirche zu dienen, in unverbrüchlicher Einheit mit dem Papst und den mit ihm in Gemeinschaft stehenden Bischöfen, im Geist des Gehorsams und der Einheit mit der kirchlichen Hierarchie, was zur Spiritualität des Werkes gehört.
Dem Vater gegenüber empfinde ich also eine starke, kindliche und innige Hochachtung, und das aus zwei Gründen: einmal, weil er stets ein Beispiel heroischer Heiligkeit gab, und dann war er das Werkzeug des Herrn, durch das ich meine Berufung entdeckt habe, also den Sinn meines Lebens.

Der Vater hatte ein Auge für alle. Ich kann sagen, daß er mich seine väterliche Liebe immerzu spüren ließ. Merkte er zum Beispiel, daß ich müde war, munterte er mich auf. Vielleicht klingt das folgende banal, aber es berührt mich immer noch, wenn ich daran zurückdenke, daß er so manches Mal, kurz bevor ich von der Arbeit im Vatikan zurückkam, bei der ich die bessere Soutane trug, zu Javier Echevarría sagte: »Laß uns schon die Soutane von Alvaro runterbringen, damit er sich gleich umziehen kann, wenn er kommt, denn er ist sicherlich müde.« Er versuchte herauszufinden, was einem gut tat, und behielt es im Kopf. Wenn ich einmal das Bett hüten oder eine Diät einhalten mußte, ließ er im Rahmen der ärztlichen Verordnung für mich das kochen, was mir gut schmeckte.

Im Februar 1950 hatte ich heftige Beschwerden, an denen ich schon einige Jahre litt, Blinddarm- und Leberprobleme. Der Vater ließ Professor Faelli rufen, bei dem er selbst wegen seines Diabetes in Behandlung war, und der Arzt stellte fest, daß ich sofort am Blinddarm operiert werden müßte. Von da ab wich der Vater bis zur Operation keine Sekunde mehr von meiner Seite. Ich hatte starke Schmerzen, und er versuchte die ganze Zeit, mich abzulenken und zum Lachen zu bringen. Das ging soweit, daß er eine Art lustigen Tanz aufführte. Später erzählte er mir, was ihm dabei durch den Kopf gegangen war: Mich zu trösten oder geistlich aufzumuntern, sei wohl nicht nötig gewesen, da ich auf den Tod gut vorbereitet und dank der Barmherzigkeit Gottes eng mit dem Herrn verbunden sei und außerdem kaum damit zu rechnen war, daß ich sterben würde; also ging es vor allem darum, mich meine Schmerzen vergessen zu lassen. Seine Nächstenliebe und Demut gingen also so weit, selbst im Beisein eines Dritten vor mir zu tanzen. Ich habe wirklich ziemlich lachen müssen und meine Schmerzen völlig vergessen. Nach der Operation kam er häufig in die Klinik und blieb immer so lange er eben konnte. Gerade seine Kinder, die krank waren, liebte er außerordentlich. Das werde ich nie vergessen.

All das mögen lediglich Kleinigkeiten sein – doch nur für den, der nicht weiß, was es heißt, andere gern zu haben. Er versuchte stets, seinen Kindern Unannehmlichkeiten zu ersparen. Am 10. März 1955 traf ein Telegramm ein mit der Nachricht, meine Mutter sei gestorben. Der Vater las es, und da es schon spätabends war, wartete er, damit ich ruhig schlafen könne, mit der traurigen Nachricht bis zum nächsten Morgen: »Es ist gestern abend gekommen, aber ich wollte dich schlafen lassen und habe deshalb bis heute morgen gewartet. Ich habe dafür an deiner Stelle die Gebete verrichtet, die du gebetet hättest, und die meinigen hinzugefügt. Jetzt wollen wir zusammen die heilige Messe für deine Mutter feiern, die eine so gute Frau gewesen ist.«
Dem Vater gegenüber fühle ich mich, ich sage es noch einmal, allein als zahlungsunfähiger Schuldner.

Im familiären Zusammenleben verstand er es, in Kleinigkeiten den anderen mit Eleganz zu dienen und diesen Dienst mit einem Scherz zu überspielen. Mir hat er öfters die Brillengläser geputzt, wobei er das spanische Sprichwort benutzte: »Die ist ja so dreckig, daß man Zwiebeln darauf pflanzen kann.«

Ich könnte so endlos fortfahren. Es war gewiß ein Privileg und es ist eine große Verantwortung, vierzig Jahre lang Zeuge seines Bemühens um ein heiligmäßiges Leben gewesen zu sein. Mehr als einmal habe ich den Herrn darum gebeten, mir nur ein Tausendstel der Liebe zu schenken, die der Gründer besaß. Für Kammerdiener gibt es keine Helden, heißt ein geflügeltes Wort. Nun, ich bin nicht sein Diener gewesen, sondern ein Sohn, der mit der Hilfe des Herrn versucht hat, ihm immer treu zu sein. Ich muß sagen, daß ich ihn bewundert habe seit 1936, als ich begann, an seiner Seite zu leben und zu arbeiten, bis zum 26. Juni 1975, als Gott ihn zu sich rief, daß ich ihn bewundert habe, wie er es verstand, Gott und den Nächsten immer mehr zu lieben. Ihm gegenüber fühle ich mich, ich sage es noch einmal, allein als Schuldner, als zahlungsunfähiger Schuldner.


Alvaro del Portillo - Über den Gründer des Opus Dei
Ein Gespräch mit Cesare Cavalleri, Adamas Verlag Köln 1996


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