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Heiliger Josefmaria
Das Leben von Josemaría Escrivá de Balaguer

Bei den Armen und Kranken

Stichwörter: Krankheit, Madrid, Armut, Priestertum
Das Haus, in dem Josemaría Escrivá während seiner Zeit in Perdiguera wohnte.
Das Haus, in dem Josemaría Escrivá während seiner Zeit in Perdiguera wohnte.
Bei den Armen und Kranken, den Unwissenden und Entrechteten und bei den Kindern fand er die Kraft, das gewaltige Vorhaben in Angriff zu nehmen, das der Herr an jenem Tag auf seine Schultern gelegt hatte, und in die Schule der Leiden zu gehen, die seine Seele stärken sollte.

»Wenn du reich wärest, sehr reich, was würdest du dann tun?«

Eine eigentümliche Frage des jungen Priesters Josefmaria an den Sohn der Familie, bei der er in Perdiguera untergekommen war, einem Achthundert-Seelen-Dorf in der Nähe von Saragossa, wo Josefmaria seiner ersten Aufgabe in der Seelsorge entgegensah. Der Junge hütete tagsüber die Ziegen, und Josefmaria gab ihm an den Abenden Katechismusstunden, um ihn auf die Erstkommunion vorzubereiten. »Eines Tages wollte ich sehen, wie er seine Lektion gelernt hatte, und mir kam die Idee, ihn zu fragen: ›Wenn du reich wärest, sehr reich, was würdest du dann tun?‹

›Was bedeutet das, reich?‹ fragte der Junge zurück.

›Reich sein bedeutet, viel Geld zu haben und ein Konto auf der Bank …‹

›Ah … – und was ist eine Bank?‹

Ich versuchte es ihm so einfach wie möglich zu erklären und fügte hinzu: ›Reich sein bedeutet, viel Land zu besitzen und keine Ziegen, sondern schöne Kühe. Es bedeutet, Gäste einladen zu können und dreimal am Tag andere Kleider anzuziehen … Also, was würdest du tun, wenn du reich wärest?‹

Er machte große Augen. Schließlich sagte er: ›Ich würde einen Teller Weinsuppe nach dem anderen essen!‹

Und so ist es mit all unseren ehrgeizigen Wünschen: Nichts davon ist wirklich der Mühe wert. Es ist merkwürdig: Ich habe diese Begebenheit nie vergessen können. Ich wurde ernst und sagte zu mir selber: ›Josefmaria, hier spricht der Heilige Geist.‹ Die Weisheit Gottes hatte mir zeigen wollen, wie geringfügig und unwichtig die irdischen Dinge sind.«

Da dringend ein Vertreter für den Pfarrer des Ortes gebraucht wurde, traf er bereits drei Tage nach seiner Priesterweihe in Perdiguera ein. Als erstes mußte der Neuankömmling die Kirche einer gründlichen Säuberung unterziehen. Danach galt es, die Gottesdienste zu organisieren: Hochamt, Aussetzung des Allerheiligsten, Beichtgelegenheit, Katechismusunterricht, ganz so, als wäre Perdiguera das frömmste Dorf der Welt … Bald schon veränderte sich das geistige Klima, und noch fünfzig Jahre später, in seinem Todesjahr, erinnerten sich die Menschen dort mit großer Zuneigung an die wenigen Wochen, die Josefmaria bei ihnen gewesen war.
Heutige Ansicht des Hospital del Rey, wo der heilige Josemaría Todkranke betreute.
Heutige Ansicht des Hospital del Rey, wo der heilige Josemaría Todkranke betreute.

Dennoch war sich der junge Priester darüber im klaren, daß Gott ihn für eine andere Aufgabe vorgesehen hatte, die er jedoch immer noch nicht kannte. So kehrte er nach Saragossa zurück, wo er sein Jurastudium mit hervorragenden Examina abschloß. Mit der Erlaubnis des Erzbischofs ging er dann nach Madrid, um zu promovieren, was damals nur an der Universidad Central möglich war. Zudem war er der Ansicht, daß er das, was Gott von ihm erwartete, in der spanischen Hauptstadt leichter würde verwirklichen können.

In Madrid

Dort lernte er das Elend der Vorstädte kennen, wo sich all jene armen Menschen sammelten, die im Zuge der Industrialisierung in die Großstadt gekommen waren. Er mietete sich in einem einfachen Priesterwohnheim in der Larra-Straße ein, das von den Damas Apostólicas vom Heiligsten Herzen Jesu geführt wurde, einer Vereinigung, die das Patronato de Enfermos und viele andere caritative Werke organisierte: Katechismusunterricht in Vierteln, in denen es keine Schule gab, Armenspeisungen, Abendschulen, Erste-Hilfe-Stationen. Der heilige Josefmaria bot sofort seine Hilfe an. So widmete er sich neben seinen Studien dem Dienst an den Ärmsten der Armen Seite an Seite mit jenen frommen Frauen.

Zwischen 1927 und 1931 war er Hausgeistlicher im Patronato de Enfermos und ging ganz in der Seelsorge auf für die zahllosen Entwurzelten, um die sich niemand kümmerte und die daher eine leichte Beute für antikatholische und oft gegen den Klerus gerichtete Ideologien darstellten. Viele Jahre später, als er die inzwischen völlig veränderten Viertel von Madrid wieder besuchte, erinnerte er sich: »Als ich fünfundzwanzig war, bin ich häufig in diesen verwahrlosten Bezirken gewesen, um Tränen zu trocknen, den Bedürftigen zu helfen, den Kindern, den Alten und den Kranken meine Liebe zu schenken; und ich wurde häufig mit einer ebensolchen Liebe empfangen – oder mit Steinwürfen«

Er ging überallhin, um Kranken und Sterbenden, die die Damas Apostólicas ihm nannten, die Sakramente zu bringen oder Kindern die Beichte abzunehmen. Tausende, so erzählte er selbst, bereitete er in jener Zeit auf die Erstkommunion vor. Und es fehlte auch nicht an ausweglosen menschlichen Tragödien, die er dennoch durch seine Güte und durch die Tröstungen der Kirche ein wenig lindern konnte.

Die Schule der Leiden

Gewiß wußte er, daß dieses Apostolat der Nächstenliebe noch nicht das war, was Gott mit ihm vorhatte. Dennoch widmete er sich auch nach der Gründung vom 2. Oktober 1928 von ganzem Herzen dieser Aufgabe. Bei den Armen und Kranken, den Unwissenden und Entrechteten und bei den Kindern fand er die Kraft, das gewaltige Vorhaben in Angriff zu nehmen, das der Herr an jenem Tag auf seine Schultern gelegt hatte, und in die Schule der Leiden zu gehen, die seine Seele stärken sollte.

Diese Einstellung entsprach seinem Verständnis vom Priestertum: »Dienen ist die größte Freude, die die Seele empfinden kann, und das müssen wir Priester tun: allen dienen, Tag und Nacht, denn sonst ist man kein Priester. Man muß die Jungen lieben und die Alten, die Armen und die Reichen, die Kranken und die Kinder; man muß sich auf die Feier der Messe vorbereiten; man muß die Menschen empfangen, jeden einzeln, wie ein Hirt, der seine Herde kennt und jedes Tier bei seinem Namen ruft. Wir Priester haben keine Rechte; es gefällt mir, mich als Diener aller zu fühlen, ich bin stolz auf diesen Titel.«