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Dokumentation

Ein Leben aus der Hoffnung

Manuel Aznar

Stichwörter: Hoffnung, Glaube, Bürgerkrieg, Opus Dei, Liebe
Josemaría Escrivá im Jahr 1939
Josemaría Escrivá im Jahr 1939
Wie viele Jahre sind seither schon vergangen! Die Zweite Republik war gerade in ihren Anfängen, als ich Josemaría Escrivá kennen lernte. Er wurde kurz darauf dreißig Jahre alt. Das Opus Dei war so etwas wie ein Baby in der Wiege, vor wenigen Jahren erst gegründet. (…) Schon in jener Zeit, an die ich mich jetzt erinnere, träumte der junge aragonesische Priester von nichts anderem als davon, Gott leidenschaftlich zu dienen und sich um die Seelen der Menschen zu kümmern. Im Laufe der Jahre blieben diese beiden Ideale – Gott als letzter Grund unseres Seins, unserer Existenz, und die reine Würde der menschlichen Seele, ein Ideal, dem wir alle in unserem Leben dienen sollten – ohne Unterbrechung seine Haltung, sein Glaube, seine Hoffnung und seine Liebe. (...)

Die Tugend der Hoffnung! Damit habe ich meiner Ansicht nach ein Schlüsselwort zum Verständnis des Gründers des Opus Dei gegeben. Ich weiß nicht, warum, aber von den drei göttlichen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – pflegt man normalerweise über den Glauben und die Liebe zu sprechen. In gewisser Weise vergessen wir die Hoffnung. Man versteht die unsterbliche Mahnung des hl. Paulus im Korintherbrief hinsichtlich der Liebe ziemlich wörtlich: „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich nichts.“ Aber in diesen Wunderwerken, die die paulinischen Briefe darstellen, steht gleichermaßen, dass uns das Heil auf den Wegen der Hoffnung zukommt. Dieser Gedanke tauchte in fast allen Gesprächen mit Vater Escrivá auf und war nicht zu überhören. Ich weiß nicht, aufgrund welchen Charismas es ihm möglich war, Hoffnung zu wecken, Horizonte zu öffnen, Pessimismus zu besiegen, die Gewissheit einer glänzenden Zukunft zu vermitteln, Sorgen und Kummer zu besänftigen, Zweifel zu erhellen, und vor allem als Priester Gottes einen lebendigen Glauben, eine brennende Liebe, aber auch eine leuchtende Hoffnung zu verkünden und zu fordern. Ich vermute, dass er häufig die Lehren des hl. Paulus betrachtete. Zweifellos, weil er ein hoffnungsvoller Mensch war.

Ich erinnere mich an niemanden, der so spontan, so wunderbar natürlich und selbstverständlich das Natürliche und das Übernatürliche verbunden hätte – Gott und den Menschen, den Menschen und Gott. Dieses äußerst schwierige Unternehmen, die übernatürlichen Eingebungen mitten in den trivialsten Kleinigkeiten des menschlichen Lebens vor Augen zu haben, schaffte der Gründer des Opus Dei anscheinend ohne Anstrengung, ohne sichtbare Mühe, wenn es darum ging, die Sorge um das ewige Seelenheil mit den alltäglichsten Realitäten zu vereinbaren. Mir entzieht sich die Kenntnis der Wege, die ihn zu einer so vollkommenen Einheit beider Welten führten. Wohl ist mir bewusst, dass es für ihn nicht solche „zwei Welten“ gab, sondern nur eine. Mich ließ das an Einflüsse von Theresia von Avila denken; mit der Besonderheit, dass es Vater Escrivá gefiel, seinen geistlichen Traum „mitten auf der Straße“ – wie er es selber nannte – zu verwirklichen. Wobei dieses Unterfangen auf viele Hindernisse stieß und weiterhin stößt und allen Gefahren dieser „Straßenmitte“ ausgesetzt ist.

Nur einem außergewöhnlichen Menschen konnte es ganz natürlich erscheinen, dass der Misserfolg eines unserer Unternehmungen nur ein Ansporn für den Willen darstellt, ja, dass ein Misserfolg sogar eine gewisse Freude bereiten kann, da wir so lernen, den Schwung des begonnenen Werkes neu zu entfachen, dass wir die nötige Demut lernen, um uns auf der suche nach neuer Kraft zum Übernatürlichen aufzuschwingen.

Ich bin weiterhin der Meinung, das Josemaría Escrivá immer ein großer Unbekannter war und noch ist. Da er auf der Suche nach der Heiligkeit zur Straße hinabstieg, ist diese Straße mehr als einmal unbarmherzig mit ihm und seiner aufrüttelnden Herausforderung gewesen. Die Seinen lernten ihn nach und nach kennen; aber nicht alle. Es gibt Anhänger von ihm, die seine Persönlichkeit einfach erahnten. „Ich möchte nichts als ein guter Priester sein. Wisst ihr, was das bedeutet, ein guter Priester Gottes? Alles andere ist mir nicht wichtig. Und letztendlich wird es mir hinzugegeben werden“, sagte er bei einem Abschied an der Tür seines Arbeitszimmers zu uns; in jenem Büro schafften die Erinnerungen an seine Kindheit in seinem Geburtsort Barbastro, sein Beginn der priesterlichen Laufbahn, das Lächeln seiner Mutter, die Emotionen der ersten Gebete, die Zweifel und auch die Stärken der Gründungstage eine ganz besondere Atmosphäre, die zur Hälfte die Vorstellung einer Zelle hervorriefen und zur Hälfte widerspiegelten. Und auf jeden Fall und immer – egal ob Zelle oder Zuhause – war dieser Ort ein Beobachtungsposten hinsichtlich des Kampfes um die Heiligkeit mitten im Lärm und den Attacken der Straße.


Manuel Aznar, Auszug aus einem Artikel in der Zeitung La Vanguardia, Barcelona (Spanien), 6. Juli 1975, unter der Überschrift Ein Freund der Freiheit