Heiliger Josefmaria
Das Leben von Josemaría Escrivá de Balaguer

Ich suche dein Angesicht

Stichwörter: Beschaulichkeit, Tod, Gebet, Muttergottes
Wallfahrtskirche von Torreciudad: der heilige Josemaría betrachtet das Altarbild.
Wallfahrtskirche von Torreciudad: der heilige Josemaría betrachtet das Altarbild.
Seine Seele verzehrte sich in Sehnsucht, Gott von Angesicht zu Angesicht zu sehen. "Herr, welches Verlangen habe ich, dein Angesicht zu sehen, dein Antlitz zu bewundern, dich zu schauen …!"

Am 28. März 1975 beging Josefmaria Escrivá den fünfzigsten Jahrestag seiner Priesterweihe. Er wünschte keine Feier, sondern wollte dieses Jubiläum – das auf den Karfreitag fiel – in stillem Gebet verbringen und damit seinem Motto treu bleiben: »Verborgen bleiben und verschwinden, damit allein Jesus leuchtet.« Am Vorabend, in einem laut gesprochenen Gebet, sagte er: »Nach fünfzig Jahren bin ich wie ein stammelndes Kind. Jeden Tag fange ich wieder von vorne an. Und so wird es sein bis ans Ende der Tage, die mir noch bleiben (…). Ein Blick zurück … Ein gewaltiges Panorama: so viel Schmerz, so viel Freude. Und nun ist alles Freude, alles Freude … Denn wir haben die Erfahrung gemacht, daß der Schmerz der Hammerschlag des Künstlers ist, der aus jedem von uns, aus der unförmigen Masse, die jeder von uns ist, einen Gekreuzigten machen will, einen Christus, alter Christus, der wir sein sollen. (…) Wir brauchen vor nichts Angst zu haben; wir müssen uns um nichts sorgen; nichts auf der Welt kann uns unsere Gelassenheit rauben (…). Herr, gib meinen Kindern Gelassenheit, eine Gelassenheit, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie einen großen Fehler begangen haben sollten. Wenn ihnen bewußt wird, daß sie ihn begangen haben, dann ist dies allein schon eine Gnade und ein Licht des Himmels.

Gratias tibi, Deus, gratias tibi! Das Leben eines jeden soll ein Danklied sein, denn wie ist das Opus Dei Wirklichkeit geworden? Du hast es geschaffen, Herr, mit ein paar Menschen, die zu nichts nütze waren. Stulta mundi, infirma mundi, et ea quae non sunt. Die Worte des heiligen Paulus sind in Erfüllung gegangen: Du hast zu ganz und gar unlogischen und ungeeigneten Mitteln gegriffen und das Werk über die ganze Welt ausgebreitet. In ganz Europa sagt man dir Dank, an verschiedenen Orten in Asien und Afrika, in ganz Amerika, in Australien. Überall sagt man dir Dank.«

Er konnte zu dieser Zeit kaum noch etwas sehen, was er jedoch so klaglos ertrug, daß nur seine engsten Vertrauten davon wußten. Wieder betete er das Stoßgebet, das am Anfang seines Weges gestanden hatte: Domine, ut videam! – doch diesmal mit einer zuvor nicht gekannten Tiefe. Am 19. März vertraute er sich Jesus mit diesen Worten an: »Herr, ich kann nicht mehr, aber ich soll doch meine Kinder stärken; ich sehe keine drei Meter weit und soll die Zukunft erahnen, um meinen Kindern den Weg zu weisen. Hilf du mir! Daß ich mit deinen Augen sehe, mein Christus, mein Jesus!«

Torreciudad

Im Mai unternahm der heilige Josefmaria seine letzte Reise zum mittlerweile nahezu fertiggestellten Wallfahrtsort Torreciudad. Lange betrachtete er still das Alabasterretabel mit Szenen aus dem Marienleben. In diesen Monaten wiederholte er als Stoßgebet häufig das Bibelwort: »Ich suche dein Angesicht.« »Herr, welches Verlangen habe ich, dein Angesicht zu sehen, dein Antlitz zu bewundern, dich zu schauen …! Wie sehr liebe ich dich, Herr, wie sehr liebe ich dich!«

Der 26. Juni 1975

Am 26. Juni 1975 stand er wie gewöhnlich früh auf, hielt seine halbe Stunde Gebet und feierte gegen acht Uhr die heilige Messe. Nach einem raschen Frühstück gab er zweien seiner Söhne den Auftrag, einen kirchlichen Würdenträger zu besuchen, damit dieser Paul VI. seiner Treue und Verbundenheit versichere. Er sollte dem Papst unter anderem folgende Botschaft überbringen: »Seit Jahren feiere ich das heilige Meßopfer täglich für die Kirche und für den Papst. (…) Auch heute habe ich dieses Opfer für den Papst erneuert.«

Um halb zehn brach er nach Castelgandolfo auf, wo er sich mit seinen Töchtern vom Römischen Kolleg der Heiligen Maria treffen wollte. Es war sehr heiß. Unterwegs betete er den Rosenkranz und unterhielt sich angeregt.

»Ihr habt eine priesterliche Seele«, mit diesen Worten wandte er sich nach seiner Ankunft an die jungen Frauen, »das sage ich euch immer, wenn ich hierher komme. Auch eure Brüder, die Laien sind, haben eine priesterliche Seele. Mit dieser priesterlichen Seele könnt und müßt ihr mithelfen, und mit der Gnade des Herrn und unserem Weihepriestertum – dem der Priester des Werkes – werden wir eine wirksame Arbeit leisten … Ich kann mir vorstellen, daß alles für euch Anlaß wird, mit Gott Umgang zu haben, mit seiner gebenedeiten Mutter, unserer Mutter, mit dem heiligen Josef, unserem Vater und Herrn, und mit unseren Schutzengeln – um so der heiligen Kirche zu helfen, unserer Mutter, die in so großer Not ist und der es in diesen Zeiten in der Welt so schlecht geht. Wir müssen die Kirche und den Papst, wer immer es ist, sehr lieben. Bittet den Herrn darum, daß wir der Kirche und dem Papst wirksam dienen.«

Nach etwa zwanzig Minuten fühlte er sich unwohl. Álvaro del Portillo und Javier Echeverría kehrten mit ihm nach Rom zurück. Als sie in Villa Tevere angekommen waren, begrüßte er den Herrn im Tabernakel und ging sodann zu seinem Arbeitszimmer. Er trat ein, grüßte wie immer mit einem liebevollen Blick das Bild der Gottesmutter und sagte gleich darauf zu Javier Echevarría:

»Javi …! Mir ist nicht gut«, und stürzte zu Boden.

Während seines Aufenthalts in Mexiko 1970 hatte er eine Darstellung der Muttergottes von Guadalupe gesehen, wie sie dem heiligen Indio Juan Diego eine Rose gibt. Damals hatte er gesagt, daß er gerne so sterben würde: mit dem Blick auf Maria, die ihm eine Rose schenkt. Das Bild in seinem Arbeitszimmer, dem sein letzter Blick auf Erden galt, zeigt die Muttergottes von Guadalupe.