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Dokumentation

Jerusalem: Die Grotte des Vaterunser

J. Gil

Stichwörter: Kirche, Jesus Christus, Spuren unseres Glaubens
Das unvollendete Presbyterium über der Grotte des Vaterunser. Foto: Alfonso Puertas.
Das unvollendete Presbyterium über der Grotte des Vaterunser. Foto: Alfonso Puertas.
Spuren unseres Glaubens
Wege durch das Heilige Land


Im Evangelium stoßen wir auf jene Stelle, da Jesus sich zum Gebet zurückzogen hatte und die Jünger, die in seiner Nähe sind, Ihn vermutlich beobachten. Nachdem der Herr sein Gebet beendet hatte, fasste sich einer ein Herz: „Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat.“ Da sagte er zu ihnen: „Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name.“ (Lk 11,1-2) (Freunde Gottes 145)

Auf dem Platz, den früher die Kirchschiffe der byzantinischen Basilika einnahmen, ist jetzt ein Garten. Foto: Mattes (Wikimedia Commons)
Auf dem Platz, den früher die Kirchschiffe der byzantinischen Basilika einnahmen, ist jetzt ein Garten. Foto: Mattes (Wikimedia Commons)
„Betrachte in Ruhe diese Szene: Die Jünger im Gespräch mit Jesus Christus. In diesen Unterhaltungen lehrt er sie – auch mit Werken – wie sie beten sollen und wie wunderbar die göttliche Barmherzigkeit ist. Er lehrt sie, dass wir Kinder Gottes sind und dass wir uns an Ihn wenden dürfen, so wie eben das Kind sich an den Vater wendet“ (Im Feuer der Schmiede, 71).

Während der drei Jahre seines öffentlichen Lebens zieht der Herr durch Palästina und die angrenzenden Regionen und verkündet dort das Reich Gottes. Die Evangelisten machen diese Schauplätze der Predigt des Herrn an konkreten Orten fest. So an den Synagogen von Nazareth und Kafarnaum, am Brunnen von Sichar, an den Eingangshallen des Tempels, am Haus von Martha, Maria und Lazarus in Bethanien. Von den anderen Stätten haben wir nur Zeugnisse aufgrund lokaler Traditionen, die von den ersten Christen des Heiligen Landes von Generation zu Generation weiter gegeben wurden. Das betrifft auch das Gebet des Vaterunsers, das Matthäus in die Bergpredigt einfließen lässt, während Lukas es an einen gewissen Ort (Lk 11,1) auf dem Weg nach Jerusalem verlegt.

Auf dem Weg nach Jerusalem
Tatsächlich wird von alters her hier eine Grotte verehrt, die am Weg von Bethanien über Betfage zur Heiligen Stadt liegt. Sie befindet sich auf dem Gipfelplateau des Ölbergs ganz in der Nähe des Ortes, wo die Himmelfahrt stattgefunden hat. In diese Höhle soll sich der Herr häufiger mit seinen Jüngern zurückgezogen haben. Dort hat er ihnen viele Mysterien offenbart – unter anderem hat er ihnen die endzeitlichen Ereignisse und die Zerstörung Jerusalems vorausgesagt. Am gleichen Ort soll er ihnen auch das Vaterunser übermittelt haben. Die Überlieferung davon muss sehr gesichert gewesen sein, so dass die hl. Helena im Jahre 326 beschloss, dort eine Basilika zu errichten. Sie nannte sie Eleona nach dem Ort, über dem sie errichtet ist. Die Basilika war dreischiffig; der Zugang zu ihr verlief durch ein weitläufiges Atrium mit vier Eingangsportalen. Die Grotte bildete die Krypta unterhalb des Presbyteriums. Einige Jahrzehnte später wurde wenige Meter entfernt ein anderes Heiligtum errichtet, das unter dem Namen Imbomon bekannt war. Es entstand über dem Stein, von dem der Herr zum Himmel aufgefahren ist.

Die Pilgerin Egeria, die verschiedenste Zeremonien beschreibt, die im 4. Jh. üblich waren, bezeugt: Am Dienstag der Karwoche „gehen alle in die Kirche, die über dem Berg Eleona steht. Dort angelangt, tritt der Bischof in die Grotte ein, wo der Herr seine Jünger zu lehren pflegte. Er nimmt das Evangeliar zur Hand, bleibt stehen und liest selber die Worte aus dem Matthäus-Evangelium, wo gesagt wird: Gebt acht, dass euch niemand irreführt (Mt 24,4); der Bischof liest den weiteren Text bis zum Ende.“ (Itinerarium Egeriæ, XXXIII, 1-2 (CCL 175, 78).

Seit dem 19. Jahrhundert ist Eleona einer Karmelitengemeinschaft französischen Ursprungs übertragen worden; ihr Konvent befindet sich neben der Grotte des Vaterunser. Foto: Mattes (Wikimedia Commons).
Seit dem 19. Jahrhundert ist Eleona einer Karmelitengemeinschaft französischen Ursprungs übertragen worden; ihr Konvent befindet sich neben der Grotte des Vaterunser. Foto: Mattes (Wikimedia Commons).
Die Tradition, die den Entstehungsort des Vaterunsers bezeugt, wurde häufig von späteren Zeugen bestätigt. Der Ort hat sich nicht verändert, obwohl von den ursprünglichen Gebäuden und den Restaurierungen, die man im Mittelalter vorgenommen hatten, nur noch Ruinen erhalten sind. Während der osmanischen Herrschaft siedelte sich 1872 dort eine Gemeinschaft von Karmelitinnen an, die in Frankreich gegründet worden war. Sie erbauten die heutige Kirche und das anliegende Kloster. 1920, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, begann man über der Grotte mit dem Bau einer neuen Basilika, die dem Heiligsten Herzen geweiht werden sollte. Der Bau stagnierte, nachdem ein Flügel des Klosters beseitigt worden war und dabei auch die ursprüngliche Krypta beschädigt wurde. Die Bauarbeiten wurden daraufhin eingestellt und nicht wieder aufgenommen.

Man betritt das Heiligtum von Eleona von der Straße aus, die nach Betfage führt. Zur Rechten befindet sich in einem üppig blühenden Garten noch der Säulengang der byzantinischen Basilika. Links kann man einige Treppen herunter gehen und gelangt zum Kloster der unbeschuhten Karmelitinnen. Man gelangt zur Kirche durch den Kreuzgang, der dem Kloster vorgelagert ist. Im Zentrum, unter dem Presbyterium der unvollendeten Kirche, befindet sich die Grotte des Vaterunsers. Es handelt sich um einen kleinen Raum, der – ähnlich wie in der Geburtskirche – mit einem doppelten Eingangsbereich versehen ist und auf die Zeit der Kreuzfahrer zurückgeht. Er besteht aus zwei Elementen: einem restaurierten Teil und dahinter einem Ruinenfeld, in dem Gräber gefunden wurden, die möglicherweise aus den ersten Jahrhunderten stammen.

Alle Mauern der gesamten Anlage sind mit Keramiktafeln bedeckt, die in mehr als siebzig verschiedenen Sprachen den Text des Vaterunsers wiedergeben. Der ursprüngliche Text geht, wie wir wissen, auf die Lehre des Herrn zurück, die vom hl. Matthäus aufgezeichnet ist: “Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie, denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. So sollt ihr beten:
Unser Vater im Himmel, / dein Name werde geheiligt,
Dein Reich komme, / dein Wille geschehe / wie im Himmel, so auf der Erde,
Gib uns heute das Brot, das wir brauchen.
Und erlass uns unsere Schulden, / wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben.
Und führe uns nicht in Versuchung, / sondern rette uns vor dem Bösen (Mt 6, 7-13).

Das Vaterunser
Das Vaterunser ist das vollkommenste Gebet des Christen. Der Katechismus der katholischen Kirche nennt es, indem er sich auf Tertullian, Augustinus und Thomas von Aquin beruft, die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums, das Kompendium all unserer Bitten, das Grundgebet schlechthin (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2761-2763).
Die Tradition nennt es auch Herrengebet oder Gebet des Herrn, womit ausdrücklich betont wird, dass der Herr selbst uns das Gebet zu unserem Vater gelehrt hat. Zugleich zeigt er uns als unser Vorbild, wie wir die Bitten für unsere Bedürfnisse vorbringen sollen (vgl. Ebd., Nr. 2765).
Seit ihren Anfängen hat die Kirche den grundsätzlichen Charakter des Vaterunsers betont. Es ersetzte sehr bald andere Gebetsformen, die der jüdischen Frömmigkeit entstammten. Es fand Eingang in die Liturgie und wurde ein Hauptgegenstand der Katechese vor dem Sakramentenempfang. Im Laufe der Jahrhunderte haben große Lehrmeister des inneren Lebens dieses Gebet kommentiert und auf den theologischen Reichtum hingewiesen, den dieses Gebet enthält. Teresa von Avila schrieb: „Ich muss staunen, wie in so wenigen Worten die ganze Beschauung und alle Vollkommenheit inbegriffen ist, so dass es scheint, wir bedürften keines anderes Buches und brauchten nur dieses Gebet zu studieren. Bis hierher hat uns der Herr jede Art des Gebetes, auch die hohe Beschauung nicht ausgeschlossen, gelehrt, indem er uns von der ersten Stufe des innerlichen Gebetes an weiter zum Gebet der Ruhe und endlich zu dem der Vereinigung führte. Verstünde ich es, dies alles zu erklären, so könnte ich, auf diese wahre Grundlage mich stützend, ein umfangreiches Buch über das Gebet schreiben“ (Teresa von Ávila, Weg der Vollkommenheit, 37,1)

Damit wir das Vaterunser mit Gewinn beten, hinterlässt Jesus uns nicht „eine mechanisch zu wiederholende Formel. Im Herrengebet lehrt der Heilige Geist die Kinder Gottes durch das Wort Gottes zu ihrem Vater beten, wie dies bei jedem gesprochenen Gebet der Fall ist. Jesus gibt uns nicht nur die Worte zu unserem kindlichen Gebet, sondern gleichzeitig den Geist, durch den sie in uns ‘Geist und Leben’ (Joh 6, 63) werden. Der Vater sandte aber auch ‘den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater’ (Gal 4,6)”. (Katechismus der Katholsichen Kirche, Nr. 2766)

Wollen wir mehr im Geist der Gotteskindschaft wachsen, dann sollten wir den Inhalt des Vater unsers häufig zum Stoff unseres persönlichen Betens machen. Das praktizierte der hl. Josefmaria zu verschiedenen Zeiten. In einer Aufzeichnung aus dem Jahre 1930, wo er sich auf sein damaliges inneres Leben bezieht, berichtet er:

Als ich jung war, hatte ich die Gewohnheit, häufig kein Buch für die Betrachtung zu benutzen. Ich betete auskostend jedes einzelne Wort des Vaterunsers und verharrte bei der Betrachtung, dass Gott Vater war, mein Vater, und ich mich als Bruder Jesu Christi und als Bruder aller Menschen fühlen sollte.
Ich war verblüfft zu entdecken, dass ich Kind Gottes war! Jedes Mal wenn ich das erneut betrachtete, fühlte ich mich fester im Glauben, sicherer in der Hoffnung und bestärkt in der Liebe. Ich fühlte in meinem Herzen den Wunsch, Kind Gottes zu sein, ein sehr kleines und bedürftiges Kind. So festigte sich in meinem inneren Leben nach und nach das Leben der Kindschaft, das ich den Meinen in aller Freiheit immer sehr empfohlen habe. (Hl. Josefmaria, Brief 8.12.1949, Nr. 41)
Es ist bewegend festzustellen, dass der Gründer des Werkes Jahre später zu dem riet, was er selbst praktiziert hatte. Es war während einer Begegnung, die er im Jahre 1972 bei seiner ausgedehnten Katechese auf der spanischen Halbinsel hatte, als ihn jemand fragte:
Eine Treppe, die zur Grotte des Vaterunser führt. Foto: Mattes (Wikimedia Commons)
Eine Treppe, die zur Grotte des Vaterunser führt. Foto: Mattes (Wikimedia Commons)

-„Vater, wie können wir besser beten? Häufig sage ich das Vaterunser einfach so daher“

„-Das geht uns allen so“ - antwortete der hl. Josefmaria.“ Sogar die hl. Theresia sagt von sich, dass sie oft trocken wie ein Stück Holz war; dass sie nicht einmal ein Vaterunser so beten konnte, dass sie sich dabei bewusst war, was sie sagte.


Sage es dem Herrn. „Ich will jetzt beten und es besonders gut machen. Ich bitte dich, dass du es mir zeigst, dass du mir hilfst, damit ich merke, was ich im Vaterunser sage.
Es fängt mit dem Wort Vater an. Du hältst dann ein wenig inne und betrachtest, was dieses Wort aussagt. Du machst dir Gedanken darüber, was für dich dein Vater bedeutet, und dass du außer dem Vater auf der Erde einen im Himmel hast: Gott. Und du empfindest heiligen Stolz darüber.

Vater unser. Er ist nicht nur dein Vater sondern der Vater aller. Daher bist du Bruder aller Menschen auf der ganzen Erde. Deshalb bist du verpflichtet alle Menschen zu lieben, du musst ihnen helfen, gute Kinder Gottes zu sein, denn wir alle bilden zusammen die Familie unseres Vaters im Himmel.

Der Du bist im Himmel Sofort fällt dir ein, dass du mich oft hast sagen hören, dass er auch im Tabernakel ist und in unserer Seele, wenn sie im Stand der Gnade ist… (Aufzeichnungen während einer Begegnung mit dem hl. Josefmaria, 27.10.1972)