Dokumentation

Weihnachten in Rom

Stichwörter: Familie, Christus begegnen, Weihnachten, Rom
Joaquín Alonso, rechts, mit dem Regionalvikar des Opus Dei in Deutschland, Dr. Christoph Bockamp
Joaquín Alonso, rechts, mit dem Regionalvikar des Opus Dei in Deutschland, Dr. Christoph Bockamp
Der Priester Joaquín Alonso lebt seit sechzig Jahren in Rom, wohin er nach dem Jurastudium in Sevilla, Barcelona und Madrid zog, um dort den Doktortitel in Kirchenrecht zu erwerben. Seit 1955 ist er Priester. Schon mit dem hl. Josefmaria hat er in der Leitung des Opus Dei gearbeitet. Später dann mit Alvaro del Portillo und auch mit dem heutigen Prälaten des Werkes. Er arbeitete ebenfalls im Vatikan beim Heiligen Stuhl als Berater der Kongregation für die Seligsprechungen.

Don Joaquín, würden Sie uns ein paar Erinnerungen aus Ihrer Zeit in Rom mit dem hl. Josefmaria, besonders um Weihnachten herum, erzählen?

Sehr gut erinnere ich mich an den Heiligen Abend 1954, als wir Studenten des Römischen Kollegs gerade in das Gebäude gezogen waren, das Casa del Vicolo genannt wurde, in der Bruno Buozzi Straße 73. Ein Künstler aus Andalusien, der bei uns lebte, Manolo Caballero, damals sehr jung, aber inzwischen schon lange tot, hatte ein paar Figuren für die Krippe hergestellt, die wir im Wohnzimmer aufbauen wollten, das sozusagen noch leer stand, ohne Möbel. Der hl. Josefmaria kam herein, um sie sich anzusehen, und sie gefielen ihm sehr. Er sagte dann, wir müssten sie mit einer Betrachtung an dem Abend im Wohnzimmer einweihen.
Der hl. Josefmaria an der Krippe. Weihnachten 1954.
Der hl. Josefmaria an der Krippe. Weihnachten 1954.
Da es keine Stühle gab, saßen wir bei dieser Betrachtung alle auf dem Boden. Wir waren etwa hundert sehr junge Leute. Nun, er als Prediger saß natürlich auf einem Stuhl. Ich erinnere mich vor allem an einen Satz, den er mehrmals wiederholte, als wolle er ihn uns fest einprägen: "Wo, mein Sohn, ist das Bild Christi das ich in deinem Herzen suche?" Eins um andere Mal wiederholte er diesen Satz, und man spürte, dass er ihm aus dem Herzen kam.

Haben Sie noch andere Erinnerungen an eine Zeit des Gebetes, die der hl. Josefmaria um Weihnachten hielt?

Die Betrachtung, die er uns an Heilig Abend 1963 hielt, wurde später, nachdem er sie etwas bearbeitet hatte, in Christus begegnen veröffentlicht; es ist die Homilie mit dem Titel: Christi Triumph in seiner Demut. Was er dort sagt, dass wir nämlich das Licht und die Gnade Christi tief in unser Herz dringen lassen sollen, erinnert mich daran, was er uns damals 1954 sagte, denn es ist ein für ihn typischer Gedanke im Zusammenhang mit Weihnachten. Ein anderer ist der, dass wir lernen müssen, den Willen Gottvaters zu erfüllen wie Jesus, Maria und Josef, die mit ihrem Gehorsam daran mitarbeiten, dass wir das neue Leben in Christus haben.
Der Gründer des  Opus Dei in Rom, Weihnachten 1970.
Der Gründer des Opus Dei in Rom, Weihnachten 1970.

Ein weiteres Thema ist die geistliche Kindhaft, die ihm spontan in den Sinn kam, wenn er das Jesuskind ansah. Und noch weitere Themen, die man in der Homilie Christus begegnen nachlesen kann, von der ich eben sprach. Diese Homilie ist eine wunderbare Zusammenfassung aller Gefühle, die ihm die Weihnachtszeit eingab, der Betrachtungspunkte, die sie ihm suggerierte...

Im selben Buch gibt es noch eine Weihnachtspredigt: Die Ehe, eine göttliche Berufung. Sie ist der Heiligien Familie gewidmet und, im Zusammenhang damit, der christlichen Ehe und dem Familienleben. Das sind auch Themen, die der hl. Josefmaria gerne in dieser Zeit bedachte.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch an andere Dinge, aber sie haben mehr mit meiner Familie zu tun als mit Überlegungen, die unser Vater anstieß. Ist das von Interesse?

Der hl. Josefmaria begrüßt voller Herzlichkeit den jungen Priester Joaquín. Ein Familientreffen von 1971
Der hl. Josefmaria begrüßt voller Herzlichkeit den jungen Priester Joaquín. Ein Familientreffen von 1971
Aber bitte.

Meine Mutter wurde Witwe, als ich drei Jahre alt war, und ich war ihr einziger Sohn. Sie hatte eine große Liebe zum hl. Josefmaria. Seit ich nach Rom kam bis zu ihrem Tod (sie starb 1960) schickte sie ihm immer Glückwünsche zu Weihnachten, und er antwortete ihr. Diese Grußkarten habe ich noch; sie sind schlicht bebildert, aber sie hat sie wie einen Schatz bewahrt.

In einem Jahr musste sie kurz vor Weihnachten operiert werden, das war 1957. Ich fuhr nach Sevilla, und war bei ihr, bis es ihr wieder etwas besser ging. Dann kehrte ich nach Rom zurück, und der hl. Josefmaria war sehr erstaunt, mich zu sehen, denn er hatte mir gerade einen langen Brief geschrieben, in dem er mir sagte, ich solle noch bleiben und das Weihnachtsfest mit ihr verbringen; man sieht, dass der Brief zu spät ankam. Er wurde sehr unruhig, denn er dachte an meine Mutter, die sich in einer schwierigen Lage befand. Ich sagte ihm, er solle sich nicht beunruhigen, denn eine Tante, eine Schwester meiner Mutter, versorgte sie sehr gut und auch die Frauen des Werkes in Sevilla kümmerten sich um sie und waren oft bei ihr. Ich glaube, das hat ihn beruhigt. Denn in jenem Augenblick war es für ihn wichtig, dass meine Mutter an jenem Weihnachtsfest die Wärme einer Familie spürte.

Können Sie noch etwas aus neuerer Zeit erzählen, etwa aus den letzten Lebensjahren des hl. Josefmaria?

Von seinem letzten Weihnachtsfest, im Jahr 1974, habe ich noch in Erinnerung, dass er ein Beisammensein mit Leuten vom Werk aus verschiedenen Orten von Italien hatte, in dem er uns vorschlug, häufig das Stoßgebet "Domine, ut videam, ut videamus, ut videant" zu sagen; Herr, dass ich sehe, dass wir sehen, dass sie sehen - ein in jener Zeit der allgemeinen Verwirrung und Unsicherheit unter den Katholiken sehr angebrachtes Stoßgebet. Er selbst hatte es als junger Mensch gebetet, um Gott zu bitten, er möge sehen können, was dieser von ihm, von seinem Leben wollte.

Ich erinnere mich auch en eine technische Neuheit, die Weihnachten 1972 in unser Haus, Villa Tevere, kam. In diesem Jahr reiste ich mit Andrew Byrne, einem Engländer, der später Priester wurde und jetzt in Oxford lebt, nach Japan. Als wir dort waren, beschaffte der damalige Regionalvikar, José Ramón Madurga, einen Videoapparat, ein Gerät, das hier in Italien niemand oder fast niemand kannte, das aber in Japan schon fast überall in Gebrauch war. Und er filmte die ersten japanischen Mitglieder des Werkes, um so dem Vater zu Weihnachten zu gratulieren.
Die Figur des Jesuskindes. Das Original befindet sich in der Klosterkirche von Santa Isabel in Madrid.
Die Figur des Jesuskindes. Das Original befindet sich in der Klosterkirche von Santa Isabel in Madrid.

Wir kehrten nach Rom zurück, wo jene japanische Weihnachtsgratulation den hl. Josefmaria begeisterte. Aber außerdem kam jemand auf die Idee, man könne das Beisammensein des Heiligen Abends, das es jedes Jahr mit dem Vater in Villa Tevere gab, filmen. Dummerweise sagte ihm durch ein Versehen niemand etwas von dieser Idee. Als er am Abend ins Wohnzimmer kam und eine Kamera sah, die auf seinen Stuhl gerichtet war, war er doch recht überrascht. Er machte einen witzigen Kommentar und unter dem Gelächter der Anwesenden stand er sofort auf und setzte sich auf einen Stuhl an der gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Ich weiß nicht mehr, wer an der Kamera war, aber er war geschickt genug, um sie zu drehen und ohne sie von ihrem Platz zu entfernen, wieder auf ihn zu richten. Gott sei Dank, denn es war ein sehr intensives und wunderschönes Beisammensein, von dem wir jetzt diese Aufnahme haben. Was natürlich ein bisschen seltsam ist: den hl. Josefmaria sieht man praktisch die ganze Zeit nur von der Seite.

Ich erinnere mich ebenfalls daran, wie er mit großer Freude und Liebe jedes Jahr eine kleine Figur des Jesuskindes, das ihm geschenkt worden war, mit zum Beisammensein brachte. Es ist eine Kopie des Kindes, das es im Kloster von Santa Isabel im Stadtteil Atocha von Madrid gibt. Vor dem Bürgerkrieg war er Kaplan jener Ordensfrauen gewesen und hatte eine große Verehrung zu diesem Kind, er war richtig verliebt. Noch heute empfangen die Ordensfrauen von Santa Isabel häufig Besuch von Leuten, die darum bitten, dieses Kind küssen zu dürfen, das der hl. Josefmaria so innig geküsst und in seinen Armen gewiegt hat - das "Kind von Don Josemaría", wie sie es noch heute manchmal nennen.